In den Bauch der Erde blicken – Wanderung entlang des Fish River Canyon

„Den Abstecher machen wir auf jeden Fall!“
 
Wir wissen ja nicht, was du so für einen Abstecher hältst, aber in Namibia können das schon mal eben schlappe 300 Kilometer sein.
Trotzdem wollten wir uns den Besuch des Fish River Canyons, auf unserem Road-Trip durch Namibia, nicht entgehen lassen. Angeblich soll der Canyon zu den „süßesten Versuchungen für Wanderer“ gehören, aber auch zu den heißesten. Der Felsbackofen des Canyons kennt kein Erbarmen, wenn es um extreme Temperaturen geht.
 
Der Fish River Canyon liegt im äußersten Süden Namibias, eingebettet in den Winkel den Südafrikas abgeschiedene Regionen Namaqualand und Kalahari bilden.
 
Ganz gleich aus welcher Richtung du anreist, die kahle Landschaft erweckt ein Gefühl der Trostlosigkeit und Isolation.
Während der Fahrt auf dem Schotterpad reicht die schier endlose Wüste in allen Himmelsrichtungen bis zum Horizont. (Pad ist übrigens die afrikanische Bezeichnung für Straße.)
 
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Umso größer war die Überraschung, als plötzlich der Fish River Canyon vor uns auftaucht. Der riesige Einschnitt quer durch die Wüstenlandschaft gehört auf jeden Fall zu den eindrucksvollsten Naturschönheiten Namibias.
 
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Faszination Fish River Canyon

Nirgendwo in Afrika findet sich etwas, was sich mit dem Fish River Canyon vergleichen lässt.

Das klingt vielleicht dick aufgetragen, doch die Zahlen lügen nicht: Die Schlucht windet sich über eine Distanz von rund 160 Kilometern durch das zerklüftete Koubis-Bergmassiv, hat in der Breite eine Ausdehnung von bis zu 27 Kilometer und erreicht eine Tiefe von 550 Meter.
Allein diese Zahlen beeindrucken, doch das wahre, atemberaubende Ausmaß dieses gigantischen Canyons begreift man eigentlich erst vor Ort.

Nach dem Grand Canyon in den USA ist der Fish River Canyon der zweitgrößte der Welt. Von der Schönheit kann er auf jeden Fall mit seinem „großen Bruder“ mithalten. In Sachen Einsamkeit und Ruhe hat er eindeutig die Nase vorn.
 
 

Der Fish River Canyon – eine riesige Kriechspur

Der mit 650 Kilometern längste Fluss Namibias, der Fish River, hat sich über Jahrmillionen kräftig durch waagerecht lagernde Gesteinsschichten gefressen.
Angesichts der geringen Wassermengen muss es wohl feuchtere Zeiten als heute gegeben haben, die den Fluss zu einer so effektiven Gesteinssäge werden ließen.

Andere Interpretationen behaupten, der Canyon sei durch tektonische Verschiebungen entstanden.

Die plausibelste Erklärung hat aber wahrscheinlich das Urvolk der San: Ein riesiger Drache hat sich auf der Flucht vor Jägern durch die Felsen gedrückt und auf seinem Weg diese gigantische Kriechspur hinterlassen. 😀
 
 

Wanderungen in der Wildnis des Fish River Canyons

Der Fish River Canyon ist Teil eines riesigen Naturschutzparks. Wo sich einst der Fluss seinen Weg durch das Gestein gefräst hat, ist heute ein spektakuläres Wander- und Trekking-Areal entstanden.
 
Wir passieren den nördlichen Parkeingang bei Hobas. Im Hobas Restcamp erkundigen wir uns nach möglichen Touren und werden enttäuscht. Geführte Tagestouren werden nicht angeboten und Wanderungen auf eigene Faust hinab in die Schlucht sind aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Sogar Teilabstiege sind verboten, da es immer wieder zu tödlichen Unfällen kam.

Überhaupt ist die Schlucht den Großteil des Jahres für Trekking Touren und Besucher gesperrt.
Die Parkverwaltung öffnet zwischen Mitte März und Mitte September einen 86-Kilometer-Abschnitt für Kleingruppen. Außerhalb dieser Zeit kann der Canyon aufgrund der großen Hitze nicht durchquert werden.
Die Touren dauern meist 4-6 Tage und müssen lange im Voraus gebucht werden.
 
Als Alternative empfehlen uns die Ranger eine Wanderung entlang der Abbruchkante. Wer den Abstieg in den Canyon nicht wagen darf, kann ausgehend vom Main View Punkt auf einer Strecke von ca. 20 Kilometer weitere Aussichtspunkte finden, die ebenfalls spektakuläre Einblicke in die überwältigende Schluchten-Landschaft bieten sollen. Dieser Abschnitt ist frei zugänglich und ohne Guide möglich.
 
Gesagt – getan, wir stellen das Auto am Main View Point ab, tauschen Flip Flops gegen Wanderschuhe und schnüren die Rucksäcke. Alles, was wir für die Wanderung benötigen, müssen wir tragen. Hier gibt es keinen Kiosk oder eine Hütte, die kalte Getränke serviert. Eine gute Brotzeit und vor allem ausreichend Wasser sind wichtig. Auch wenn wir uns im namibischen Winter befinden, die Tagestemperaturen können sich selbst zu dieser Jahreszeit auf 30 Grad und mehr aufheizen.
 
 

Berauschende Tiefblicke

Schon der erste Blick vom Aussichtspunkt auf Hells Bend, die „Höllenkurve“, zeigt die gigantischen Ausmaße des Canyons. Hier reduzieren sich die menschlichen Ausmaße zur Größe eines Fliegenkleckses.
Er ist gewaltig, wunderschön und wie von göttlicher Hand in irdischen Fels gemeißelt. Fast erschreckend wirken die kahlen Felsen, auf denen sich, mit Ausnahme von einigen Aloe-Stauden, so keinerlei Pflanzenleben erkennen lässt.
 
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Ca. 3 Kilometer nördlich liegt der Hiker’s View Point. Für jene, die den 86 Kilometer langen Hiking Trail absolvieren dürfen, wird es hier ernst.
 
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Wir wandern weiter. Physische Höchstleistungen werden uns nicht abverlangt. Die Strecke verläuft eben, es gibt keine nennenswerten Höhenunterschiede zu überwinden. Nur ein paar große Felsbrocken liegen im Weg.
Kommt man dem Abgrund zu nah, rutscht der Schotter unter den Sohlen und flache Steine brechen klirrend. Dann heißt es schnell einen Schritt zurücktreten.
 
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Ein grandioser Aussichtspunkt folgt auf den nächsten. Jeder gibt eine ganz eigene Sicht auf den Canyon frei und ermöglicht berauschende Ausblicke in die grandiosen Tiefen.

Auch wenn man vom Rand des Canyons nur einen kleinen Teil dieser mächtigen Schlucht mit dem Auge erfassen kann, so bietet allein dieser Ausschnitt schon ein atemberaubend, spektakuläres Erlebnis.

Hier kannst du bis auf den Grund der erdgeschichtlichen Entwicklung und in mehrere geologische Zeitalter blicken!
 
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Fish River – ein Fluss ohne Fische

Fish River, der Fischfluss, ein merkwürdiger Name für einen selten fließenden Fluss in der Wüste. Nur nach starken Regenfällen führt der Fluss nennenswert Wasser und macht dann seinem Namen alle Ehre: der Tisch ist für Fischreiher, Königsfischer und andere Wasservögel reichlich gedeckt.

Das Wasser zog von jeher Menschen an. Was für ein Fest das wohl für die Buschmänner gewesen ist? Hier konnten sie sich hemmungslos am Wasser bedienen, dem wichtigsten und sonst sorgsam gehüteten Elixier in ihrer Welt.
Aber auch für die Tiere muss ein Fluss in dieser lebensfeindlichen Landschaft eine Entgleisung der Natur sein. Mit Beginn der regulären Regenzeit zwischen März und April entwickelt sich hier ein normales Flussleben, an dem sich auch Kudus, Springböcke, Bergzebras, Oryxantilopen und Paviane erfreuen.
 
 

Der Fish River Canyon – ein Labyrinth in braun und grau

Die letzte Regenzeit brachte keine nennenswerten Niederschläge und das gesamte Land ächzt unter der Dürre.
Das felsige, in baumkuchenartig feinen Lagen terrassierte, Land wirkt kontrastlos, die Farbe „grün“ fehlt. Alles verschwimmt zu einem leichten Potpourri aus Rot, Braun, Grau und Schwarz, genauso farblos wie die, wie Finger einer halbgeöffneten Hand, nach oben gereckten Blätter der Aloen.
 
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Wenn schon nicht die Farbe, so ist doch die Monumentalität des Canyon beeindruckend.
Die Schluchten innerhalb eines Labyrinths von Schluchten, die zerbröselten Seitentäler, aus denen während der Regenzeit Wasser alles gierig mit sich fortreist und hinunter zum Fish River spült.
Davon ist nicht das Geringste zu spüren. 500 Meter unter uns ist der Fish River zu einem kleinen Rinnsal zusammen geschrumpft und gurgelt sachte durch den von ihm modellierten Canyon.
Das sanfte Rauschen des Wassers dringt wie ein Ächzen zu uns. Zusammen mit dem Wispern des Windes sind dies die einzigen Geräusche. Alles reduziert sich auf die Felsen und uns. Der Alltag ist so weit weg wie die Millionen Sterne, die jede Nacht am Himmel über Afrika leuchten.
Selten verirrt sich jemand hier her. Die meisten Reisenden begnügen sich mit einem Foto vom Main View Point, laufen noch bis zum Hiker‘s View Point und sind schon bald wieder verschwunden.
 
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Wir könnten ewig so weiter laufen, müssen aber die Zeit im Auge behalten.
In den Wintermonaten wird es zeitig dunkel, schlagartig 18.00 Uhr geht das Licht aus. 😃

Also müssen wir irgendwann umdrehen und auf dem Weg, den wir gekommen sind, wieder zurückgehen.
Auch mit dem Canyon im Rücken ist die Aussicht sehr schön. Denn nicht nur die Sicht hinunter ist beeindruckend, auch der Blick in die unglaubliche Weite Namibias kann sich sehen lassen.
 
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Nach ca. 5 Stunden sind wir zurück am Ausgangspunkt und machen uns auf den Weg zu unserer Unterkunft.
 
 

Das wahrscheinlich schrägste Roadhouse in Namibia: das Canyon Roadhouse

Bei einem von der Sonne jahrzehntelang gebackenen Oldtimer, der hier als Wegweiser sein Dasein fristet, biegen wir von der Pad ab und folgen dem Hinweis „Canyon Roadhouse“.
Schon nach wenigen Metern erreichen wir das restaurierte alte Farmhaus, vor dessen Front uns eine uralte Benzinpumpe aus den dreißiger Jahren und halb verblichene Verkehrsschilder begrüßen. Überall verstreut finden wir alte Fahrzeuge, die wunderbar in die Anlage passen. Sie sind Hingucker und immer wieder was zum Schmunzeln!
 
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Wir betreten das Haupthaus und sind sofort hin und weg. Nicht nur das Gelände ist mit alten Requisiten dekoriert, auch im Inneren kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Die Bar ist wie das Cockpit eines Autos gestaltet, die Wände zieren Nummernschilder und Zeitungsartikel über Kraftfahrzeuge, die Jalousien bestehen aus gebrauchten Luftfiltern, bei den Barhockern kamen die Luftfilter alter Lastkraftwagen zu neuen Ehren und eine Stoßstange dient als Flaschenboard.

Für diese herrlich kitschige Kombination aus Gästehaus und Restaurant muss ein Bilderbuch-Roadhouse auf der Route 66 Modell gestanden haben.
 
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Wir beziehen unseren Bungalow und lassen den Tag bei Kerzenlicht und einem guten Steak von der Oryxantilope im Restaurant ausklingen. Wobei Restaurant nicht die richtige Beschreibung ist, man meint eher in einer gut aufgeräumten Autowerkstatt zu sitzen.
 
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Am nächsten Morgen werden wir von seltsamen Geräuschen geweckt. Was ist das? Vor unserer Tür bewegt sich etwas. Vorsichtig spähen wir aus dem Fenster und prusten los. Der geheimnisvolle Gast ist eine Oryxantilope, die es sich im Blumenbett schmecken lässt.
 
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Im Farmhaus erwartet uns ein ungewöhnliches, aber sehr leckeres Frühstücksbuffet. Ein ausgedienter Planwagen, die Motorhaube eines Autos und ein altes Motorrad dienen dabei als Tische.
 
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Wir langen kräftig zu und dann heißt es auch schon Abschied nehmen vom Fish River Canyon und dem wohl schrägsten Roadhouse in Namibia.
 
Das Canyon Roadhouse liegt strategisch günstig direkt an der Parkgrenze zum Fish River Canyon und bietet alles um sämtliche Batterien wieder aufzutanken: 24 komfortable Gästezimmer und einen Campingplatz, Bar, Tankstelle, Restaurant, Souvenirshop und Geldautomat.
 
 

Infobox:

Hobas Restcamp

Der Haupteingang zum Fish River Canyon Park befindet sich in Hobas. Hier gibt es einen kleinen Laden und einen Campingplatz.

Eintrittsgebühren:
Erwachsene: N$ 80
Kinder (6 – 16): frei
Fahrzeuge (max. 10 Sitze): N$ 10

Ein weiterer Eingang befindet sich im Süden, in Ai-Ais.

Weder Hobas noch Ai-Ais sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Ein eigenes Fahrzeug ist hier ein MUSS.

Tipp: Am Information Centre in Hobas noch einmal die Toilette nutzen, unterwegs gibt es keine weit und breit.

Das Information Centre in Hobas ist zugleich Check-In für die fünftägige Canyonwanderung vom Hiker’s Point nach Ai Ais.
 

Fish River Hiking Trail

Die Tour muss lange im Voraus gebucht werden. Das Namibia Wildlife Resorts in Windhoek erteilt die notwendigen Permits. Pro Tag dürfen nicht mehr als 40 Personen in die Tour einsteigen.
Wer die 86 Kilometer lange Rucksack-Wanderung durch den Canyon machen will, muss eine gute Kondition besitzen und vor Antritt der Tour eine ärztliche Unbedenklichkeitsbescheinigung, die nicht älter als 40 Tage sein darf, vorlegen.
Nur Gruppenwanderungen mit mindestens 3 Teilnehmern sind erlaubt.
Die Wanderung durch den Canyon darf und kann nur zwischen 15. April bis 15. September, also im Winter durchgeführt werden. Im Sommer sind die Temperaturen in der Schlucht zu extrem und selbst im Winter ist es heiß, mit Spitzen bis zu 40 Grad Celsius.
 
 
Warst du schon einmal am Fish River Canyon oder könnte er dich begeistern?
 
Die Trekking Tour durch die Schlucht steht ganz weit oben auf unserer Bucket List. Sollten wir noch einmal nach Namibia kommen, wollen wir diese Tour auf jeden Fall machen. Wäre dies auch etwas für dich?
Wir freuen uns auf deine Kommentare!
 
 
Noch mehr Reiseberichte aus Namibia findest du hier.
 
 

geschrieben von
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