Zwischen Chaos und großen Fischen – Ein Besuch auf dem Tsukiji Fischmarkt in Tokio

Der frühe Vogel fängt den Fisch

Kurz nach 2.00 Uhr morgens klingelt unser Wecker. Dabei sind wir doch gerade erst schlafen gegangen. Um diese Zeit aufstehen, macht nicht wirklich Spaß, aber wir sind ja nicht im Urlaub 😀.
 
Heute haben wir etwas Besonderes vor. Laut Lonely Planet und Tripadvisor gibt es ein Must-See in Tokio: den Tsukiji Fischmarkt, den größten Fischmarkt der Welt.

Hier werden jeden Tag unglaubliche 2.500 Tonnen Fisch umgesetzt.
Der Markt hat eine Größe von 43 Fußballfeldern und ist der Arbeitsplatz von 60.000 Menschen.
 

Das Highlight aber, so heißt es, ist die Thunfischauktion am frühen Morgen. Die Auktion, auf der Mittelsmänner für die kostspieligen Prachtstücke bieten, beginnt morgens um 5.00 Uhr. Besucher dürfen von 5.25 Uhr bis 6.25 Uhr die Auktion verfolgen.
 
Hier gilt: Sei so früh wie möglich vor Ort, denn es werden nur 120 Besucher pro Tag zugelassen!

Die Auktion war in den letzten Jahren so beliebt, dass zu viele Touristen am Morgen zum Fischmarkt strömten und sich die Händler mehr und mehr darüber beschwerten. Daher wurde der Zugang für Touristen streng limitiert.

Im Reiseführer steht, man müsse bis 4.00 Uhr vor Ort sein. Vergiss es, die Realität sieht anders aus. Im Hotel rät man uns, spätestens 3.00 Uhr dort zu sein. Der Ansturm sei so groß, dass meist bereits gegen 3.30 Uhr alle Plätze belegt seien.

Also quälen wir uns aus den Betten, für 2.30 Uhr haben wir ein Taxi bestellt. Zu solch früher Stunde fährt, selbst in einer Megacity wie Tokio, keine U-Bahn. Nur 10 Minuten sind es vom Hotel bis zum Fischmarkt.
 
Um 2.45 Uhr kommen wir am Fischmarkt an und werden in einen Warteraum geschoben.
Es geht Schlag auf Schlag, immer mehr Besucher treffen ein und tatsächlich kurz nach 3.00 Uhr sind die 120 Plätze belegt. Später eintreffende Besucher haben keine Chance mehr und werden konsequent weggeschickt.

Die 120 Personen werden in zwei Gruppen geteilt. Die erste Gruppe wird um 5:25 Uhr aus dem Warteraum abgeholt, die zweite um 5:55 Uhr. Glück gehabt, wir sind Besucher Nummer 57 und 58 und dürfen uns zur Gruppe 1 gesellen.

Jetzt heißt es warten – zweieinhalb ewig lange Stunden! Wir setzen uns zu den anderen auf den Boden und verbringen die Zeit mit dösen, quatschen und gähnen.
 
Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (2) 3.00 Uhr: der Warteraum ist voll und alle sind gutgelaunt.

Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (4) Morgens 3.30 Uhr – da darf man schon einmal gähnen.

Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (6) Wenn die Zeit einfach nicht vergehen will …

Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (7) 4.00 Uhr: schlafen, gähnen, dösen – wenn Minuten zu Stunden werden!
 

5.25 Uhr geht es dann endlich los. Gruppe 1 darf den Warteraum verlassen.

Nach einer kurzen Einweisung werden wir im Gänsemarsch über das Fischmarktgelände geführt. Welche hektische Atmosphäre! Wir stecken mittendrin in diesem scheinbaren Chaos. Wir laufen durch enge Gassen, springen über Pfützen und werden immer wieder ermahnt am Rand zu bleiben, während tausende Arbeiter um uns herum versuchen, ihrer Arbeit nachzugehen.
Minitransporter rasen an uns vorbei, mit Handkarren und Gabelstaplern werden filmreife Choreografien vollführt. Keiner nimmt Rücksicht auf die glotzenden Touristen.
 
Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (9) 5.25 Uhr: Gruppe 1 setzt sich in Bewegung.

Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (11) So früh am Morgen ist auf dem Gelände schon viel los.

Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (10) Ein LKW nach dem anderen fährt vom Hof.
 
Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (12) Wir betreten die Auktionshalle.
 

Wir kommen in eine Halle, auf dem Boden liegen die wertvollen Thunfische, tiefgefroren mit aufgesägter Schwanzflosse. Drumherum steht eine Horde Männer. Sie begutachten jeden einzelnen Fisch, beurteilen die Farbe des Fleisches an der aufgeschnitten Stelle, reiben das Fleisch in der Hand und hauen mit ihren Messern in die Haut, um die Qualität zu testen.

Ein paar Minuten später geht es dann richtig los. Mehrere Männer klettern auf kleine Podeste, läuten mit einer Glocke in einem immer schneller werdenden Rhythmus. Dann steigen Sie auf Hocker, einige Protokollanten um sich herum. Die Bieter haben alle Schilder auf ihren Kappen, mit Nummern drauf.

Die Versteigerung selbst erfolgt fast als Gesang. Leider verstehen wir weder was gesagt wird, noch die Preise. Aber die Brummer kosten mehrere tausend Euro pro Stück.

Die stolzen Besitzer werfen ihre Beute auf Wagen oder ziehen sie an Haken aus der Halle.
 
Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (15) Hier liegen sie, die wertvollen Thunfische, bereit zur Versteigerung.

Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (14) Auch in der Auktionshalle herrscht geschäftiges Treiben!

Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (17) Jeder Fisch wird genau begutachtet.

Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (16) Mit dem Hämmerchen wird die Fleischqualität geprüft.

Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (19) Thunfisch an Thunfisch …

Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (27) Nichts für sensible Gemüter!

Zum Ersten, zum Zweiten, ... Die Versteigerung erfolgt fast als Gesang.

Thunfischauktion_Tsukiji Fischmarkt Tokio Zum Ersten, zum Zweiten, …

Die ersteigerte Ware wird sofort aufgeladen und aus der Halle gefahren. Die ersteigerte Ware wird sofort aufgeladen und aus der Halle gefahren.
 

Nach 20 Minuten ist für uns alles schon wieder vorbei. Die Auktion geht weiter, jetzt darf Gruppe 2 die Auktionshalle betreten.
 
Das Treiben außerhalb der Halle hat zugenommen, Rushhour auf dem Fischmarkt. Die Besucher strömen zu den wenigen bereits geöffneten Sushiläden, vor denen sich lange Schlangen gebildet haben.
Hier soll es das beste Sushi überhaupt geben, gut zubereitet und vor allem so frisch, wie nur denkbar. Und ja, natürlich auch zum Frühstück.
Das war auch unser Plan, frisches Sushi zum Frühstück. Aber auf Anstehen und lange Wartezeiten (hier wartet man gern einmal zwei bis drei Stunden, nur um ins Lokal zu kommen) haben wir nach der sehr kurzen Nacht und so früh am Morgen keine Lust.
 
Wir schlendern noch ein wenig über den Markt und die Außenbereiche. Ein kleiner Shop reiht sich an den nächsten. Neben Sushi gibt es hier auch alles, was es sonst noch für die japanische Küche und den Gaumen braucht.
 
Tokio_Tsukiji Fischmarkt_Thunfischauktion_we2ontour_2016 (24) Der Außenebereich des Tsukiji Fischmarkt – hier reiht sich Shop an Shop.
 

Gegen 7.00 Uhr fahren wir, diesmal mit der U-Bahn, zurück ins Hotel. Erst einmal frühstücken und dann noch ein Stündchen schlafen, bevor wir uns wieder ins Tokioer Gewimmel stürzen.
 
 

Lohnt es sich, sich so früh aus dem Bett zu quälen?

Wenn du die Thunfisch-Auktion besuchen willst, dann ja!

Die Thunfischauktion ist ein sehr spezielles Erlebnis, jedoch nichts für zarte Gemüter.
 
Wenn du nicht so zeitig aufstehen willst, der Fischmarkt selbst öffnet für das gewöhnliche Publikum um 9.00 Uhr.
 
 

Tipps für einen Besuch des Tsukiji-Fischmarktes:

Sonntags (manchmal auch Mittwochs) und an öffentlichen Feiertagen ist der Markt geschlossen.

Öffnungszeiten:
Außenbereiche: 5:00 bis 14:00
Großmarkt: ab 9:00 Uhr für Besucher geöffnet

Thunfisch-Auktion:
Von 5:25 bis 6:25 für Besucher geöffnet.
Pro Tag werden 120 Personen zur Auktion zugelassen, in zwei Gruppen. Eine vorherige Anmeldung oder Reservierung ist nicht möglich, es gilt das Prinzip: die ersten 120 können rein.

Sei sehr früh da, am besten bis 3.00 Uhr!

Wartebereich: am Osakana Fukyu Center (Fish Information Center) am Kachidoki Gate

Eintritt: kostenlos

Hinkommen: Der Tsukiji Fischmarkt liegt direkt über der Tsukiji Shijo Station auf der Oedo Subway Line (Ausgang A1 und A2) oder einen Fünfminuten-Marsch von der Tsukiji Station der Hibiya Subway Line entfernt.

Willst du zur Thunfischauktion, musst du dir ein Taxi nehmen oder in der Nähe die Nacht durchfeiern. In Tokio fährt nachts keine Metro.
 
 

Vor dem Umzug?

Willst du den Fischmarkt auch einmal besuchen, dann musst du dich allerdings beeilen. Er wird seine Tore in absehbarer Zeit für immer schließen.
Der Countdown läuft bereits, 2016 ist das letzte Jahr für Tokios legendären Fischmarkt. Schon Ende November soll der Markt innerhalb der Stadt umziehen. Damit wird der weltgrößte Umschlagplatz für Meeresprodukte, der seit 80 Jahren in der Tokioter Innenstadt eine feste Adresse hat, sein angestammtes Areal verlassen.
Er wird nach den jetzigen Plänen im Stadtteil Toyosu wiedereröffnen, aber das wird nicht annähernd das Gleiche sein.
 
 
Warst du schon einmal auf dem Tsukiji Fischmarkt in Tokio? Welche Tipps hast du von dort?
 
 
Noch mehr Reiseberichte aus Japan findest du hier.
 
 

geschrieben von
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8 Kommentare

  • Cool, dass ihr es auch so früh aus den Federn geschafft habt!

    Ich fand den Besuch damals auch interessant, aber das aufstehen mitten in der Nacht und das ewige Warten auf dem Kalten Boden im Besucherraum, das war echt anstrengend. (http://wp.me/p6PDRa-XJ) Aber wir werden ja nicht meckern, immerhin kann man sagen, man war einer von wenigen Besuchern und auch noch einer der letzten, eh das ganze nicht mehr für Publikum offen sein wird. Das ist schon ziemlich cool:)

    Auf jeden Fall schön zu lesen, wie ihr eure Reise erlebt habt. Bin auf die nächsten Artikel gespannt.

    Liebe Grüße
    Nicole von CicoBerlin

    • Hallo Nicole,
      das Aufstehen war gar nicht so schlimm. Aber das lange Warten war wirklich sehr anstrengend. Die Minuten sind wie Stunden dahin geschlichen.
      Trotzdem fand ich den Besuch sehr spannend. Schon beeindruckend, wie die riesigen Tiere begutachtet und versteigert werden.

      Ganz langsam nähert sich auch unsere Reise dem Ende. Am Samstag geht es nach Hause. Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergangen ist.

      Liebe Grüße
      Frauke & Jojo

  • Wow, als wir 2008 dort waren, war es noch recht entspannt. Wir sind irgendwann gegen 5 am Fischmarkt gewesen und dann über den Markt geschlendert. Die Auktion war kaum besucht und die wenigen Touristen mussten sich halt einfach hinter einer Absperrung aufhalten.

    Wenn Du magst, hab ich im Blog einen Artikel dazu:
    http://pixelschmitt.de/fischmarkt-tokyo/

    Ich finde es übrigens richtig gut, dass Ihr mit dem Camper durch Japan gereist seid. Das steht auch auf meiner Wunschliste.

    Viele Grüße
    Thomas pixelschmitt

    • Hallo Thomas,
      das kann man kaum glauben, dass vor einigen Jahren die Thunfisch-Auktion so entspannt ablief.
      Heute ist diese, wie so vieles in Japan, perfekt durchorganisiert und wer zu spät kommt, hat Pech. Und das sind nicht wenige, wie wir erleben durften. Natürlich gibt es dann sehr lange Gesichter – früh aufgestanden und trotzdem zu spät dran 🙁

      Japan im Camper können wir unbedingt empfehlen. Auch wenn Japan überhaupt kein Camping-Land ist, hatten wir eine tolle Zeit und haben diese Entscheidung keine Minute bereut.

      Viele Grüße
      Frauke & Jojo

  • Wirklich interessant! Ich habe schon ein paar Dokus über den Fischmarkt gesehen und fand das alles sehr faszinierend. Das man als Tourist allerdings so früh aufstehen muss, war mir nicht bewusst 😀
    Schade das der Markt umzieht, dann werde ich dieses Flair nicht mehr erleben dürfen. Aber toll, dass ihr dabei wart und drüber geschrieben habt.

    Liebe Grüße,
    Lynn

    • Hallo Lynn,
      mit dem Umzug des Fischmarktes verliert Tokio wirklich eine Institution. 🙁
      Für uns war der Besuch auf dem Fischmarkt eines unserer Highligts in Japan. Dafür hat sich das frühe Aufstehen gelohnt.
      Liebe Grüße
      Frauke

  • Einerseits finde ich es echt spannend und interessant, was hinter den Kulissen des Supermarktes so passiert.
    Doch irgendwie ist es auch erschreckend zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit und ein einem fehlenden Bewusstsein für die vielen Tiere eigentlich vorgegangen wird.
    Ich bin kein Internetveganer, der jeden und alles verbessern will oder anderen eine Meinung aufdrängen möchte.

    Dennoch fühlt es sich beim genaueren Nachdenken komisch an, dass es eventuell Menschen oder Firmen gibt, die viel mehr aus dem Ozean fischen als benötigt oder auch erlaubt ist, nur um (aus finanzieller Sicht) nicht zu verhungern.
    Irgendwie echt ein schrecklicher Teufelskreislauf.

    • Hallo Robert,
      ganz ähnliche Gedanken sind uns auch durch den Kopf gegangen. Europa hat schon lange die Fangquoten für Japan im Mittelmeer stark eingeschränkt. Woher kommen all die Fische? Aus riesigen Thunfischfarmen, die mit Kapital aus Japan errichtet werden?
      Aber abseits dieser Überlegungen war der Besuch auf dem Fischmarkt ein sehr interessantes Erlebnis. Sushi kommt nicht aus der Box, Fischfilets wachsen nicht in der Kühltheke – ich finde es wichtig auch hinter die Kulissen zu schauen.
      Viele Grüße
      Frauke

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