Beim Badengehen nicht baden gehen

Eine Reise durch Japan ohne Besuch in einem Onsen? Das geht nicht!
 
Onsen ist viel mehr als nur „Wellness auf japanisch“!
Das gemeinsame Bad im Onsen hat eine lange Tradition in Japan und ist ein unvergleichliches Erlebnis.

Egal ob du nach einem langen Sightseeing-Tag oder einer anstrengenden Wanderung die erschöpften Muskeln verwöhnen willst, ob du dich einfach gründlich waschen oder dich in ungeahnte Dimensionen des Wohlbefindens und der Entspannung begeben willst – Onsen ist eine DER japanischen Erfahrungen.
 
Einem Bad im Onsen werden wahre Wunderkräfte zugeschrieben. Das Wasser, das je nach Quelle eine bestimmte Mischung an Mineralien enthält, soll gegen die verschiedensten Probleme helfen. Für ein echtes Onsen ist sogar ein Mindestmaß an Mineralien vorgeschrieben.

Nach einem japanischen Volkslied kann eine heiße Quelle alles heilen, nur die Liebe nicht. 😀
 
 

Vorsicht heiß!

In Japan geht es tektonisch gesehen ziemlich heiß her, im Untergrund des Inselstaates brodelt es gewaltig. Japan liegt direkt über dem Pazifischen Feuerring, einer vulkanisch besonders aktiven Region der Erde.

Deshalb gibt es in Japan nicht nur viele Erdbeben, sondern an unzähligen Orten strömt das unterirdisch erhitzte, mineralhaltige Wasser an die Oberfläche.

Kein Wunder, dass sich um diese Thermalquellen eine regelrechte Badekultur gebildet hat.
 
Wenn du jetzt lächelnd abwinkst, weil es Thermalbäder ja auch in Deutschland gibt, dann sei vorsichtig. Das ist in etwa so, wie Fischstäbchen mit Sushi zu vergleichen. 😀

Die heißen Quellen in Japan sollte man nicht unterschätzen, denn sie sind wirklich heiß. Anders als in unseren, mit etwa 30 – 40 Grad eher lauwarm temperierten, europäischen Quellen, kommt das Wasser in den Onsen mit einer Temperatur von bis zu 100 Grad an die Oberfläche.
Aber keine Sorge: in den Badebecken wird es auf eine badetaugliche Temperatur herunter gekühlt.
 
 

Wo kann man einen Onsen besuchen?

In Japan sickert das heiße Wasser quasi an allen Ecken und Enden aus dem Boden. Es gibt mehr als 3000 Onsen im Land, mehr als irgendwo sonst auf der Welt.

Dabei gibt es Onsen in allen möglichen Erscheinungsformen und für jeden Geschmack: groß oder klein, schlicht oder protzig, naturnah oder zentral, teuer oder günstig.
Viele Orte haben ein einfaches Gemeinschaftsbad, manche Gegenden sind bekannt für ihre spektakulären Onsen, die in sagenhafter Natur liegen. Ryokans verfügen oft über sehr schöne Bäder, meist mit Aussicht auf einen kleinen Garten. Viele Hotels besitzen eigene Quellen, die auch von Nicht-Hotelgästen genutzt werden können.
 
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Onsen – eine kleine Anleitung

Rein in die Badehose und ab ins heiße Wasser!? Nein, so einfach ist es nicht!

Der Onsen-Besuch folgt, wie so vieles in Japan, einem komplizierten Ablauf, der genau vorgegeben ist.

Über Jahrtausende hinweg haben die Japaner den Akt des Onsen-Badens in eine Art Religion verwandelt.
Es gelten strenge Regeln, die von Generation zu Generation überliefert sind.
Beachtest du diese Regeln nicht, wirst du auffallen wie ein Orang-Utan beim Origami-Wettbewerb und dich ganz mächtig blamieren. Glaub uns, wir sprechen aus Erfahrung.

Um dir diese Scham zu ersparen, haben wir hier die 12 wichtigsten Verhaltensregeln aufgeschrieben:
 

Regel Nr. 1: Japanische Onsen sind kein Spaßbäder!

Onsen haben wenig mit unseren Schwimmbädern gemein, es gibt weder Wasserrutschen noch Sprungbretter. Eigentlich handelt es sich mehr um eine große Badewanne, in der man beisammen sitzt und entspannt.

Je nach Lage, bekommst du zum Badevergnügen manchmal auch noch einen spektakulären Blick auf die umgebende Landschaft.

Und damit Blickrichtung und Aufmerksamkeit auch ja nicht von der Landschaft abgelenkt werden, gilt:
 

Regel Nr. 2: Männer und Frauen baden getrennt!

Zumindest heute! Die Tradition, dass Frauen und Männer gemeinsam nackt im Onsen baden, hat sich immer mehr geändert. Die zunehmende Orientierung an westlichen Wertvorstellungen und der Einfluss der USA, die dem Nacktbaden ja bekanntlich nicht wirklich aufgeschlossen begegnen, führten zu einer strikten Geschlechtertrennung.
Nur wenige Orte halten bis heute noch am gemeinsamen Bad fest.
 
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Regel Nr. 3: Tattoos sind nicht erlaubt!

Während ein Tattoo in der westlichen Welt vor allem als Ausdruck von Individualismus verstanden wird, ist es in Japan genau anders herum. Dort stehen Tätowierungen für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, und zwar einer ganz bestimmten. Die meisten Japaner assoziieren sie, vollkommen unabhängig vom Motiv, mit Yakuza, der heimischen Mafia.

Deshalb ist Tätowierten vielerorts der Besuch von öffentlichen Bädern verboten.
Für Touristen drückt man zwar manchmal ein Auge zu, aber gut die Hälfte aller Onsen lässt dich mit einer Tätowierung nicht rein.
 
Tipp: Wenn die Tattoos klein sind, kannst du sie mit einem Pflaster verdecken.
Ansonsten solltest du auf jeden Fall an der Rezeption fragen, ob du trotz einer Tätowierung hinein gehen darfst.
 

Regel Nr. 4: Schuhe müssen draußen bleiben!

Die Schuhe müssen direkt am Eingang zum Onsen, meist vor einer Holztreppe ausgezogen und in ein, dafür vorgesehenes, Schließfach gestellt werden. Barfuß oder in Socken geht es dann weiter Richtung Umkleidekabine.
 

Regel Nr. 5: Umkleideraum – Alles ausziehen!

Im Umkleidebereich heißt es ausziehen und zwar alles! Ganz egal, wie schick du deinen neuen Bikini findest, die Badesachen kannst du getrost im Koffer lassen.
Deine Kleidung legst du in die dafür bereitgestellten Körbe und ab damit ins Schließfach.
Auch dein Handtuch lässt du hier zurück.

Ohne Ausnahme wird in Onsen nackt gebadet.
 
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Regel Nr. 6: Im Badebereich gehen alle barfuß!

Auch Badeschlappen, wie wir sie kennen, sind verboten.

Man geht barfuß, mit einer Ausnahme: dem Gang zur Toilette.
Vor der Toilettentür stehen Schlappen bereit, die man für den Toilettengang an- und nach dem Verlassen der Toilette wieder auszieht.
 
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Wir fanden es nicht so einladend Schlappen zu benutzen, die bereits von anderen Badegästen getragen wurden. Doch die Japaner achten sehr auf eine gründliche Körperreinigung, weshalb auch die Füße stets sauber sind. Daraus ergibt sich:
 

Regel Nr. 7: Waschen, aber gründlich!

Eine gründliche Körperreinigung ist vor dem Betreten des Onsen-Bades absolute Pflicht!

Reinigen und duschen kannst du an einem der zahlreichen Waschplätze, die sich immer nahe der Badebecken befinden.
Vor den Waschplätzen stehen kleine Hocker oder Schemel und Schüsseln. Dabei sind die ca. 30 cm niedrigen Sitzhocker nicht für Kinder gedacht! Nein! Geduscht wird nämlich sitzend.

Mach es dir, so gut es eben geht, auf einem Hocker bequem und wasch dich lange und gründlich.
Wenn es einem Duschkopf gibt, kannst du den Schaum damit abspülen, ansonsten schüttet man immer wieder Wasser aus der Schüssel über den Körper. Dabei darfst du aber auf keinen Fall Aufstehen. Das gilt als Fauxpas!

Mit der Reinigung wirst du eine Weile beschäftigt sein, denn die Schüsseln sind in der Regel so klein, dass du das Spülen ungefähr so häufig wiederholen kannst, wie den Versuch, mit Stäbchen ein einzelnes Reiskorn zu treffen. 😀

Damit aber noch nicht genug: viele Japaner wiederholen das Ritual mehrere Male. Ein kompletter Waschgang kann da gut und gern schon mal 20 Minuten dauern.

Also lieber einmal zu viel als zu wenig einseifen. Dann kann dir niemand ein oberflächliches Waschverhalten nachsagen.
 
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Regel Nr. 8: Handtücher gehören nicht ins Wasser!

Zum Einseifen dient ein kleines Handtuch, Tenugui genannt.
Das Tenugui gehört zu einem Onsen-Besuch, wie ein Saunatuch zu einem Sauna-Besuch. Es ist ein Alleskönner und dient sowohl zum Einseifen als auch zum Schweißabwischen während man im heißen Onsen-Wasser weilt. Bevor du ins Becken steigst, legst du dir das Handtuch auf den Kopf. Du hast richtig gelesen: das Handtuch wird auf dem Kopf getragen.

Es sieht schon ziemlich schräg aus, wenn du mit Handtuch auf dem Kopf in brütend heißem Wasser sitzt und vor dich hin schwitzt.
 
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Regel Nr. 9: Nichts verschmutzen!

Achte unbedingt darauf, dass du den Seifenschaum nach der Körperreinigung gründlich abspülst, bevor du ins Becken steigst, denn Seife oder Shampoo im Onsen-Wasser ist schmutzig!

Duscht du gar nicht, ist das erst recht ein Verstoß gegen die Onsen-Regeln.

Auch das Eintauchen eines Tenuqui im Onsen-Wasser gilt als schmutzig.

Nach dem Baden spülst du dich noch einmal gründlich ab. Dann wringst du dein Tenuqui aus und trocknest dich vor der Tür zum Umkleideraum ab, damit dieser ja nicht nass wird. Für jeden Wassertropfen, der im Umkleidebereich auf den Boden fällt, wirst du einen strengen Blick ernten.

Mit deinem großen Handtuch kannst du dich nun richtig trocken rubbeln.
 

Regel Nr. 10: Im Onsen ist für alles gesorgt!

Zum Inventar eines jeden Onsens gehören herrlich duftende Shampoos, Waschgels und Reinigungslotionen.

Im Umkleideraum findest du Körpercremes, Wattestäbchen und Kosmetiktücher.

Das Tenugui sowie große Handtücher erhältst du am Eingang zum Onsen.
 
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Regel Nr. 11: Nach dem Baden folgt die Ruhe!

In jedem japanischen Onsen findest du einen Ruhebereich. Manche sind ganz einfach ausgestattet, mit Reisstrohmatten auf denen Decken und Kissen liegen. In anderen Ruheräumen findest du Hightech-Massageliegen, die sogar über eigene Bildschirme verfügen.
 

Regel Nr. 12: Baden macht hungrig!

Eines haben die japanischen heißen Quellen mit den deutschen Thermalbädern gemeinsam: Nach dem Schwitzen und Entspannen hat man meist Hunger. Deshalb findest du auch in den japanischen Onsen Gastronomiebereiche, in denen die Japaner gerne snacken oder einen heißen Tee genießen.
 
 
Jetzt alles klar?
Hast du nun eine Vorstellung davon, wie du ein Onsen in Japan besuchst?

Keine Sorge: auch wenn du in eines der vielen Fettnäpfchen trittst, Japaner sind ausländischen Besuchern gegenüber tolerant und lächeln.

Auf das Erlebnis Onsen solltest du auf keinen Fall verzichten!
 
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Übrigens: auch wenn du alles richtig gemacht hast, kann es passieren, dass du nach einer Weile allein im Becken sitzt. Das liegt dann daran, dass du ein Gaijin, ein Ausländer bist, und bei denen weiß man ja nie … 😃
 
 

geschrieben von
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Wir sind dann mal weg!

Nur noch wenige Stunden, dann sitzen wir schon im Flieger nach Windhoek....
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8 Kommentare

  • Oh ich muss unbedingt nach Japan. Den Wunsch hatte ich ohnehin, aber jetzt umso mehr. Diese tolle Badekultur kannte ich noch gar nicht, aber bin total begeistert. Vielen Dank für den tollen Bericht 🙂
    Liebe Grüße
    Christina

    • Hallo Christina,
      Japan können wir unbedingt empfehlen. Japan ist ein spannendes und sehr exotisches Land, mit einer ungewöhnlichen und teilweise sehr fremdartigen Kultur. Man muss natürlich bereit sein, sich darauf einzulassen.
      Die Besuche in den Onsen sind für uns unvergessliche Momente, diese Badekultur findet man auch nur in Japan.
      Liebe Grüße
      Frauke

  • Das japanische Onsen klingt sehr interessant, zumal ich sehr gerne Sauna & Wellness mache. Allerdings hat die Sache wohl einen Haken, ich reise ja immer zusammen mit meiner Freundin und getrennt baden gehen würden wir wohl beide doof finden und dann doch nicht machen – den Artikel habe ich trotzdem gerne gelesen! 🙂

    • Hallo Klaus,
      gemeinsam in den Onsen gehen – das wird schwierig. Als zwei Frauen auf Reisen haben wir uns darüber gar keine Gedanken gemacht.
      Liebe Grüße
      Frauke

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