Das Ohr des Kalten Krieges

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Grauer Stahlbeton, Türme mit eigenartigen Kuppeln, ein hoher Zaun mit Stacheldraht – man fühlt sich, als sei man mitten in einem Spionagefilm gelandet.
 
Wütend pfeift der Wind durch die Metallgerippe und zerrt an verschlissenen Planen.
Es ist der Sound des Kalten Krieges. Es ist der Sound des Teufelsberges.

Ein Ort mit Geschichte. Ein vergessener Ort. Einmalig. Über Berlin.

120,1 Meter über dem Meeresspiegel galt über Jahrzehnte nur ein Gesetz: HÖREN, ohne gehört zu werden!

Der Teufelsberg vor den Toren Berlins ist eine ehemalige Abhörstation der NSA.
Hier installierten die Westalliierten in den sechziger Jahren eine gigantische Lausch-Station, um den Funkverkehr des Warschauer Pakts abzufangen.

Um die bizarren Türme, welche über der Hauptstadt thronen, ranken sich viele Legenden.

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Wohl kaum ein Ort ist so faszinierend und geheimnisvoll wie der verlassene Horchposten auf dem Teufelsberg. Unter Fotografen, Lost Places- und Streetart-Fans und Verschwörungstheoretikern gibt es einen richtigen Kult um die Ruinen.
 
Seit einiger Zeit kann man diesen einzigartigen Ort ganz legal besuchen (entweder als stille Begehung oder im Rahmen einer historischen Führung) und sich selbst vom morbiden Charme der Anlage verzaubern lassen.

Ich habe mich zunächst einer Führung angeschlossen, um mehr Informationen über die bewegende Geschichte des Teufelsberges zu erhalten und anschließend das Gelände auf eigene Faust durchstreift.
 
Begleitet mich auf meinem Rundgang über die ehemalige Abhör-Station:

 

Die Geschichte des Teufelsbergs

Aufgetürmt aus Ruinen

Der Teufelsberg ist ein künstlicher Berg, genau genommen ein aufgeschütteter Trümmerberg im Grunewald, im Westen Berlins. Er ist nach dem nahen Teufelssee benannt und 120,1 Meter hoch. In Berlin geht das allemal als Berg durch.

Die Geschichte reicht zurück bis in die 40er Jahre.
An Stelle des heutigen Berges wurde mit dem Bau einer Wehrtechnischen Fakultät begonnen – Teil von Hitlers nationalsozialistischen Plan, die Welthauptstadt Germania zu erbauen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges sprengte man den entstandenen Rohbau und nutzte das Areal als Schutt-Deponie für die Trümmer, der von den Alliierten zerbombten Berliner Häuser.
22 Jahre lang luden bis zu 800 Lastzüge täglich insgesamt gut 26 Millionen Kubikmeter Geröll hier ab, was in etwa den Überresten von rund 15.000 Wohnhäusern entspricht.

So entstand die damals höchste Erhebung im Westen Berlins. 1972 entschloss man sich, den Teufelsberg der Natur zu überlassen und pflanzte Bäume an seinen Hängen.
 
 

Spionage-Festung und Wintersportplatz

Allerdings zeigten die Amerikaner schon in den 60er Jahren Interesse an dem Areal und testeten mit Antennenwagen, ob eine Spionage vom Schuttberg aus möglich sei.
Nach 1972 wurden große Teile des Teufelsbergs komplett für Abhör- und Spionagetätigkeiten reserviert und er erhielt sein bis heute erhaltenes Erkennungsmerkmal: die weißen Radarkuppeln, die man schon von weitem sieht.

Von hier ließ sich der Luftraum in Richtung Osten wunderbar überwachen. Bis zu 1.500 Leute lauschten hier im Dreischichtbetrieb.

Beim Luftraum blieb es natürlich nicht. Auch wenn sich das Augenmerk der NSA-Experten damals noch nicht auf das Handy einer Kanzlerin richtete, gründliche Blicke auf das Treiben der Deutschen in Ost und West warf die NSA dennoch.
 
Was jedoch genau hier passierte, war und blieb top secret und so machten schon damals, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, allerlei teils schauerliche Gerüchte die Runde. Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) übte der Teufelsberg eine große Anziehungskraft auf viele Westberliner aus, insbesondere da die seitlichen Hänge des Hügels frei zugänglich waren. So entwickelte sich der Schuttberg, trotz militärischer Nutzung, zu einem gefragten Ausflugsziel.

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Im Winter waren die schneebedeckten Hänge des Teufelsbergs als Schlitten- und Rodelberg beliebt und in den warmen Sommermonaten nutzten Radfahrer und Wanderer den Berg.

Eine Zeitlang wurde hier sogar Wein angebaut, aus dem ein Kelterer das Wilmersdorfer Teufelströpfchen machte.
 
 

Überflüssig und verlassen

Abhören der Feinde, Spitzeln unter Freunden – längst geht das auch ohne Radartürme.

Als die Mauer fiel und auch die Sowjetunion zerbrach, wurde die technisch mittlerweile veraltete Abhöranlage für die NSA überflüssig und die Amerikaner zogen ab. Bis 1999 konnten die Radaranlagen noch für die Überwachung der zivilen Luftfahrt genutzt werden, dann war auch damit Schluss.

Seitdem stehen die Gebäude auf dem Teufelsberg leer.
Geblieben ist ein Hauch des Kalten Krieges über den Dächern Berlins.

Was unter Beteiligung der NSA herausgefiltert wurde, sollen US-Archive erst ab dem Jahr 2020 preisgeben.
 
 

Geplatzte Seifenblasen und Verfall

An zweithöchster Stelle in Berlin triumphiert nun der Verfall: Die Türme sind nur noch Gerippe, die Kunststoffhüllen der Radarkuppeln sind zerrissen und flattern im Wind.

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Statt Hightech aus der IBM-Ära rascheln Alu-Grillschalen im Wind – Spuren illegaler Partys.
In den Böden klaffen Löcher, die Natur schießt durch die Ritzen.
Recycling-Experten aus Osteuropa freuten sich über Kilometer an Kupferdraht, die der Ex-Klassenfeind zurückließ.

Ideen und Vorschläge für eine weitere Nutzung des Geländes gab es viele. So wollte ein Investor bereits Ende der neunziger Jahre ein Hotel mit Tagungszentrum sowie exklusive Wohnungen auf dem Gelände errichten.
Mit viel Geschmack wurden auch schon edle Parkettböden und Badezimmerfließen verlegt. Doch aus der Musterwohnung wurde ein Muster ohne Wert. Das Projekt platzte! Erst kamen Behördenprobleme, dann Baustopp und Insolvenz, dann ungebetene Besucher.

Verfall und Vandalismus hielten Einzug: der Teufelsberg wurde endgültig zum Lost Place.
 
 

Ein Lost Place als urbane Galerie

Street-Art-Künstler aus der ganzen Welt entdeckten die grauen Betonmauern für sich und verwandelten das Gelände in eine gigantische Galerie.
Manche Werke wirken grell, manche sind lustig oder auch mal obszön. Viele Werke sind provokativ und machen nachdenklich.

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Das Werk des amerikanischen Künstlers Nick Flatt hat es sogar in die internationale Klatschpresse geschafft.
„Fuck…anything“ ist eine Mischung aus Graffiti und Foto-Realismus und zeigt eine Frau, die dem Betrachter den Mittelfinger zeigt. Neben „F***Krieg“ und „F***NSA“ ist auch „F*** Brad Pitt“ deutlich zu lesen. Dieser Slogan sorgt für ordentlich Furore unter den Fans des Stars.

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Mit rund 300 Bildern ist auf dem Teufelsberg im Laufe der Jahre die wohl größte Graffiti-Galerie Europas, wenn nicht sogar der Welt, entstanden und sie wächst kontinuierlich weiter: In Zukunft soll es alle acht bis zwölf Monate einen Durchlauf geben – nur ausgewählte Kunst bleibt dauerhaft erhalten.
 
 

Atemberaubende Ausblicke

Von der einzigartige Open Air Terrasse hast du einen spektakulären, atemberaubenden 360° Rundumblick über ganz Berlin.

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Den höchsten Punkt des Teufelsbergs im Hauptturm erreichst du über ein unbeleuchtetes Treppenhaus. Um Unfälle zu vermeiden, solltest du dein Smartphone oder eine Taschenlampe zur Hand haben – überhaupt ist auf dem gesamten Gelände Vorsicht geboten: Viele Gebäude sind nur provisorisch gesichert und überall gibt es Stolperfallen am Boden.

Oben angekommen erwartet dich neben dem fantastischen Ausblick auch eine einmalige Akustik: Jeder Schritt hallt, jedes Flüstern wird als Echo zurückgeworfen.
Der Schritt eines Turnschuhes klingt wie der Tritt eines Dinosauriers. Ein Räuspern, wie das Husten eines Riesen.

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Ein ganz besonderes Erlebnis ist es, den Sonnenuntergang auf dem Teufelsberg zu erleben.
Die Sonne verschwindet langsam am Horizont und zaubert einmalige Effekte. Mehr Atmosphäre geht kaum!

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Der Teufelsberg heute

Nachdem ein neuer Pächter das Zepter übernommen hat, kann der Teufelsberg täglich von 10 Uhr bis Sonnenuntergang im Rahmen einer stillen Begehung, auf dem ansonsten streng bewachten Gelände, erkundet werden. Dich erwartet Street Art und atmosphärischer Verfall. Nebenbei kannst du dir selbst ein Bild von den Geistern der Vergangenheit machen.

Freitags um 14.00 Uhr und Samstag und Sonntag um 13.00 Uhr wird außerdem eine ca. 90-minütige historische Führung über das Gelände angeboten. Du erfährst alles Wissenswerte über die bewegende Geschichte des Teufelsberges und wirst einige spannende Legenden hören. Neben dem kleinen Einblick in die Spionage-Welt bekommst du den vermutlich schönsten Ausblick über Berlin von heute.

Der reguläre Eintritt beträgt 8 €, die historische Führung kostet 15 €.

Weitere Informationen zum Besuch bekommst du auf der Website des Teufelsberges.
Führungen kannst du hier online buchen.
 
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Und sonst?
    • Der Eingang und auch Treffpunkt für die Touren ist am Haupttor der Field-Station in der Teufelsseechaussee 10, 14193 Berlin.
    • Plane genug Zeit für deine Erkundungstour ein!
      Wirf in jedes Gebäude einen Blick und lass die einzigartige Stimmung zwischen den Betonruinen auf dich wirken. Sauge die Magie dieses Ortes auf. Ein Ort der Geheimnisse und Mythen!
    • Das Betreten des Geländes erfolgt auf eigene Gefahr.
    • Für einen ungefährlichen Aufstieg in den Tower empfehle ich dir eine Taschenlampe!
    • Anfahrt und Lage:
      Zum Teufelsberg kommst du am besten mit der S5, Station Heerstraße. Von dort aus gehst du ca. 30 Minuten bis zur Abhörstation, wenn du eine dieser Routen hier verwendest.
    • Parkplätze:
      Bei Anreise mit dem Auto parkst du am besten auf dem kostenlosen Besucherparkplatz am Fuß des Teufelsbergs. Von dort sind es ca. 10 Minuten Fußweg zum Eingang.
    • Alternativ kannst du nach Anmeldung auch für 5,00 Euro direkt auf dem Gelände parken.

     
    Entdeckst du auch gerne außergewöhnliche Orte?
    Bist du vielleicht schon einmal auf dem Teufelsberg gewesen? Wie hat es dir gefallen?

    Kennst du noch weitere solcher Areale in Berlin oder in anderen Städten? Ich freue mich auf einen Kommentar von dir.
     
     
    Falls du auf der Suche nach weiteren Lost Places im Berliner Umland bist, empfehle ich dir einen Besuch der Heilstätten in Beelitz.
     
     

geschrieben von
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