Der Zauber des Verfalls

Was der Mensch erbaut, dass zerstört er auch – meistens jedenfalls. Genauso verhält es sich mit den „Lost Places“.

Verlassen, verloren, vergessen? – Aber so schön!

Lost Places sind Objekte, die dem Zerfall ausgesetzt sind. Meist sind es stillgelegte Gebäude und Industrieanlagen. Die Zukunft der Orte liegt oft im Ungewissen.
Verlassen sind sie in jedem Fall. Seit Jahrzehnten werden die Gebäude und Stätten nicht mehr bewohnt oder in ihrem ursprünglichen Sinne genutzt. Ihre zerklüfteten Mauern, abgerissenen Tapeten und zersplitterten Fenster sind stille Zeugen der Vergangenheit und Motive für spektakuläre Fotografien.
Vergessen sind diese Orte trotzdem nicht. Die Ruinen sind ein beliebtes Ziel für Touristen und Fotografen.

Bei manch einem Besucher rufen die unheimlichen Relikte einen angenehmen Grusel-Schauer hervor. In jedem Fall aber verharrt man und staunt über die Vergänglichkeit des Lebens.

Wie muss es wohl gewesen sein, als dieser Ort noch lebte?
 
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Vom Sanatorium zum Lost Place

Tief verborgen in den Beelitzer Wäldern, etwa 30 Kilometer südwestlich von Berlin, findet man so einen Lost Place: Die riesige Krankenhausanlage der Beelitzer Heilstätten.

Die Heilstätten Beelitz stehen bei jedem Lost Places Fan weit oben auf der Liste.
 
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Von dem erhabenen Sanatorium mit den lichtdurchfluteten Sälen, den eleganten Freitreppen und den prächtigen Säulenarkaden ist heute nur noch eine marode Geisterstadt übrig.
Die Gebäude sind verfallen, die Wände mit Graffiti überzogen, die Buntglasfenster zerbrochen, vernagelt oder eingeworfen, Putz bröckelt von den prächtigen Fassaden, die langen, einsamen Flure sind in fahles Licht getaucht, Staub und Geröll haben sich in den Räumen angesammelt, Diebe haben das wertvolle Buntmetall von den Dächern geklaut und Regen tropft durch die Dächer, sodass in den einst so prunkvollen Räumlichkeiten Pfützen von dreckigem Wasser stehen.

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Manche finden den langsamen Verfall durchaus anziehend und sind fasziniert von dem morbiden Charme der mehr als 60 denkmalgeschützten Gebäude, die sich in dem 200 Hektar großen Waldgebiet erstrecken – und langsam von der Natur zurückerobert werden.
Auf dem Gelände der Klinik und in den Gebäuden sorgen halbseidene Partys, satanische Messen und Geisterbeschwörungen immer wieder für Aufsehen.
 
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Gibt es hier Geister? Was ist dran am Spuk in den Beelitzer Heilstätten?
Unmengen von Blogposts spinnen Grusel-Geschichten um diesen Ort. Besucher berichten von Schritten in den Gängen, sich wie von Geisterhand öffnenden Türen und sogar von Schreien aus dem Chirurgie-Gebäude. 😀

Filme wie “Operation Walküre” oder “Der Pianist” wurden hier gedreht.
 
 

Wozu diente die Anlage und warum legte man so viel Wert auf Schönheit?

Vor mehr als hundert Jahren gehörte Beelitz zu den größten und modernsten Sanatorien dieser Zeit: Ein stolzes Vorzeigeobjekt und Glanzstück der kaiserzeitlichen Architektur.

Es waren es die katastrophalen hygienischen Zustände in der Hauptstadt, die Ende des 19. Jahrhunderts zum Bau von Deutschlands fortschrittlichster Heilanstalt führten. Damals tobte die Tuberkulose, im Volksmund Schwindsucht genannt, in den engen Gassen Berlins und raffte Hunderttausende dahin. Jeder dritte Todesfall und jede zweite Arbeitsunfähigkeit war eine Folge dieser Volkskrankheit.

Obwohl Robert Koch bereits 1882 den Erreger identifiziert hatte, waren zunächst keine wirksamen Medikamente vorhanden. Heilung, so glaubte man, könne allein Ruhe, frische Luft und gesundes Essen bringen.

Es war also nicht allein selbstlose Großzügigkeit, sondern auch die Angst, die Arbeitskraft in der Hauptstadt könne bald völlig ausgezehrt sein, welche die Berliner Landesversicherungsanstalt (LVA) 1898 zum Bau der Heilstätten veranlasste. Die Furcht vor der Seuche schien dabei so groß gewesen zu sein, dass die LVA keine Kosten scheute und eine im Kaiserreich einzigartig luxuriöse Anlage errichten ließ.

Der Standort hatte sich dabei fast aufgedrängt: Mit der Eisenbahn war Beelitz bereits an das nur 30 Kilometer entfernte Berlin angebunden und doch fern vom Lärm, Ruß und Staub der Hauptstadt. Hier sollten die Patienten von allen Lastern der Metropole bewahrt werden.

Das ehemalige Krankenhaus Beelitz Heilstätten ist ein Komplex von zwei Lungenheilanstalten und zwei Sanatorien, Frauen und Männer jeweils getrennt. Errichtet zwischen 1900 und 1930 war die Ausstattung der ca. 60 Gebäude geradezu revolutionär: Vom durchdachten Aufbau, der sich nach dem Arbeitsablauf in der Klinik richtete, über Erholungsflächen bis zum ersten kombinierten Fernheiz- und Elektrizitätswerk der Welt. Dieses versorgte über ein unterirdisches Kanalnetz das gesamte Gelände mit Strom, Wärme und Wasser. Für die lungenkranken Patienten ein riesiger Vorteil: So mussten ihre Zimmer nicht mit rußenden Öfen beheizt werden.

Doch diese hochmoderne Oase der Ruhe war nicht immer ein friedlicher Ort. Im Ersten Weltkrieg dienten die Heilstätten als Lazarett, 12.500 verwundete Soldaten wurden hier versorgt.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Beelitz zum Schauplatz dramatischer Ereignisse: Ende April 1945, die Heilstätten waren längst von den Truppen der russischen Armee besetzt, befreite General Wencks Armee die 3.000 verwundeten deutschen Soldaten, die im Lazarett gefangen gehalten wurden. Es war ein letzter kleiner Triumph im zusammenbrechenden „Dritten Reich“.
Der Erfolg über die Rote Armee war jedoch nur von kurzer Dauer: Nach dem Krieg nutzen die sowjetischen Truppen Beelitz als Militärhospital – dem größten außerhalb der UdSSR.
 
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Auch Personen, auf die man in Deutschland gern verzichtet hätte, haben sich hier einer Behandlung unterzogen. 1916 wurde in Beelitz ein Gefreiter Adolf Hitler behandelt, nachdem er bei einem Einsatz als Meldegänger von einem Granatsplitter getroffen wurde. Wie wir wissen, leider auch noch erfolgreich.
Erich Honecker hielt sich nach der Wende in Beelitz auf, bis er 1991 in einer sowjetischen Militärmaschine nach Moskau flüchtete und damit der Strafverfolgung in der Heimat entging.

Drei Jahre nach Honecker verließen die letzten sowjetischen Soldaten Beelitz. Damit begann hier das letzte Kapitel: Eine Unternehmensgruppe kaufte das Gelände und hatte große Ziele. Doch schon bald ging der Gruppe die Luft aus.
Mit der Insolvenz im Jahr 2001 begann der langsame Verfall – und die Verwandlung der einstigen Oase für Lungenpatienten in einen „Lost Place“.
 
 

Besichtigung der Beelitz Heilstätten

Das Betreten des Gebäudekomplexes ist ohne Genehmigung strengstens untersagt und wer es dennoch wagt, muss mit einer Strafanzeige rechnen.

Da wir keine Lust auf illegales Eindringen haben und in Ruhe fotografieren möchten, haben wir eine Gebäudeführung über den Veranstalter go2know gebucht.
Go2know hat sich mittlerweile einen Namen gemacht, um diverse Lost Places auf legale Weise zu besichtigen. Man bekommt eine Einweisung und einen historischen Abriss und darf dann ganz in Ruhe eigenständig das Gelände erkunden und Fotos schießen.
 

Fototour durch die ehemalige „Chirurgie“

Die Heilanstalt ist das Ergebnis vieler nacheinander passierter Geschichten. Vielleicht macht sie das so faszinierend? Was könnten diese Wände alles erzählen, wenn sie bloß reden könnten?
 
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Der Baumkronenpfad Beelitz Heilstätten

2015 wurde die weitläufige Parkanlage der Heilstätten Beelitz um einen Baumkronenpfad erweitert. Übrigens der erste Baumkronenpfad Brandenburgs.

Eine geniale Idee: Ein Pfad über einem Lost Place.
 


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Insgesamt führt eine 320 Meter lange Konstruktion aus Stahl und Holz die Besucher auf ca. 23 Metern Höhe durch die Baumwipfel an den Gebäuden entlang und sogar über eines hinüber.
Das Alpenhaus, das ehemalige Frauensanatorium, wurde Ende des zweiten Weltkrieges bei einem Brand stark beschädigt und nicht wieder in Betrieb genommen. Inzwischen hat die Natur hier das Zepter übernommen. Aus allen Ritzen und Ecken wuchern Bäume und Pflanzen. Auf dem Dach ist ein mächtiger Wald entstanden, der größte Dachwald Europas.
 
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Hoffnung für Deutschlands unheimlichste Klinik

Trotz der düsteren Vergangenheit soll es für die Beelitzer Heilstätten eine Zukunft geben: Ein Immobilienentwickler hat sich des Komplexes angenommen und will die ehemalige Lungenheilanstalt aus ihrem Dornröschen-Schlaf erwecken. Teile des Geländes sollen zu einem idyllischen „Creative Village“ am Waldrand umgewandelt werden. Der Umbau ist bereits im Gange und „die ersten Atelierwohnungen sollen im Frühjahr 2017 bezugsfertig sein“ heißt es auf der Webseite zum Projekt Refugium Beelitz-Heilstätten.

Auch der Baumkronenpfad „Baum & Zeit“ soll auf stolze 1.000 Meter erweitert werden.

Es scheint fast so, als wäre Leben in diesen verlassenen Ort gekommen – womit die Gruselgeschichten und die negative Publicity rund um die einstige Vorzeigeklinik auch ein Ende finden sollten.
 
 

Infobox Beelitz Heilstätten und Baumkronenpfad:

Adresse:

Straße nach Fichtenwalde 13, 14547 Beelitz-Heilstätten
 

Anreise:

Beelitz Heilstätten liegt im Berliner Süden.
Mit dem Auto:
Autobahn A9, Abfahrt 2 Beelitz Heilstätten
Am ersten Kreisel der Beschilderung zum Parkplatz folgen.
Die Parkgebühr beträgt 2.00 Euro.
Mit dem Zug:
Mit der Regionalbahn von Berlin (RE7) bis Beelitz Heilstätten, Fußweg bis zum Parkeingang ca. fünf Minuten.
Mit dem Rad:
Das Gelände liegt am Europaradweg R1.
 

Öffnungszeiten Baumkronenpfad:

März: täglich 10.00 – 16.00 Uhr
April bis Oktober: täglich 10.00 – 19.00 Uhr
November und Dezember: samstags und sonntags 10.00 – 16.00 Uhr
Kassenschluss ist jeweils eine Stunde vor Ende der Öffnungszeit!
 

Preise:

Erwachsene: 9,50 EUR
Kinder zwischen 7 und 17: 7,50 EUR
Ermäßigungen gibt es für Familien, Senioren, Schüler und Gruppen.
Die aktuellen Preise und Öffnungszeiten findest du hier.
 

Führungen:

Die Gebäude sind nur mit einem Guide zu besichtigen, es werden verschiedene Touren angeboten.

Die Betreiber des Baumkronenpfades bieten Führungen zu Themen wie Natur und Gehölze, Geschichte der Heilstätten oder auch Gebäudeführungen an. Die Führungen dauern eine Stunde und kosten zwischen 6,00 und 10.00 EUR pro Person (zzgl. zur Eintrittskarte für den Baumwipfelpfad).

Go2know bietet regelmäßig an Wochenenden 2 verschiedene Gebäudeführungen von einer Stunde für je 10,00 Euro sowie mehrstündige Fototouren ab 45 Euro an.
Mehr Informationen findest du hier.
 

Verschnaufen:

Auf dem Parkgelände gibt es ein Bistro (direkt am Turm) und einen Imbiss am Ein- bzw. Ausgang.
 

Webseite:

Noch mehr Infos findest du auf der Webseite des Betreibers Baum & Zeit.
 
 
Hast du schon einmal einen Lost Place besucht? Wie hat es dir gefallen? Welchen kannst du uns empfehlen?
 
 
Dieser Artikel ist Teil der Blogparade Lost Places, zu der Kathrin vom Blog Travlgedengl aufgerufen hat.
Schau doch mal rein, dort findest du noch viele weitere Lost Places.
 
 

geschrieben von
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8 Kommentare

  • Liebe Frauke, liebe Jojo,

    so tolle Fotos! Wir hatten bei unserer Stippvisite leider keine Zeit, eine Führung in die Häuser mit zu machen und haben sie uns nur von außen und oben angesehen. Irgendwann werden wir das nachholen. Eure Fotos machen mich jedenfalls richtig neugierig!

    Liebe Grüße
    Gela

    • Liebe Gela,
      eine Führung durch die Häuser können wir wirklich empfehlen. Ist unwahrscheinlich interessant und spannend, wenn man durch die verlassenen Gebäude streift. Da fragt man sich, was diese Wände wohl schon alles gesehen haben.
      Liebe Grüße
      Frauke und Johanna

  • Hallo ihr 2,
    solche Orte sind echt interessant und vor allem wenn es um Krankenhäuser oder Heilanstalten geht auch irgendwie gruselig. Wir waren mal in Berlin am Teufelsberg in den alten Abhörtürmen, das war ganz interessant, da gibts viel Streetart, das hat auch ein paar Euro Eintritt gekostet.
    Ich finde aber, sobald man Touren buchen, Eintritt zahlen oder es einen Kiosk gibt, ist es gar nicht wirklich mehr so „Lost“, eher wie ein Museum oder so. 😉
    LG
    Sarah

    • Hallo Sarah,
      sicher ist ein verlassener Ort, den man auf eigene Faust und ohne Eintritt besuchen kann, ein wirklicher „Lost Place“.
      Dann kann man die Atmosphäre noch besser aufsaugen.
      Trotzdem fanden wir den Besuch in den Heilstätten sehr interessant. Leider ist es nicht so einfach, allein in die Gebäude zu kommen. Zum Glück sind die Touren aber begrenzt, so dass es überhaupt nicht an Massentourismus erinnert.
      Der Tipp mit den Abhörtürmen am Teufelsberg ist direkt mal für unseren nächsten Tripp nach Berlin vorgemerkt.
      Liebe Grüße
      Frauke und Johanna

  • Hallo.
    Ich habe gerade euren Artikel über Beelitz entdeckt und mit viel Interesse gelesen. Selber bin ich auch ein Fan von solchen geheimnisvollen Orten. Ich lebe auf Teneriffa, wo es auch eine Menge Lost Places zu entdecken gibt – man glaubt es kaum!
    Z.B. diesen hier: https://mitenerifeblog.wordpress.com/2016/05/02/sanatorio-de-abades/
    In meinem Blog gibt es auf der Seite KURIOSES noch viele ernstaunliche Orte auf meiner Insel.

    Sollte ich mal nach Berlin kommen, steht natürlich Beelitz auf Der Sightseeing-Liste.

    Liebe Grüße
    gerardo

    • Hallo,
      Teneriffa hätte ich jetzt wirklich nicht mit Lost Places in Verbindung gebracht. Aber solch verlassene Orte findet man sicher überall. Mann muss nur wissen, wo man suchen soll.
      Die Ruinenstadt wär ganz nach meinem Geschmack, schon allein wegen der Graffitis.
      Liebe Grüße
      Frauke

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