Die verlassenen Orte von Tschernobyl

Schritte knirschen über zertretenes Glas, verstaubte Puppen, zerfledderte Lehrbücher, rostige Gitterbettchen, sowjetische Propaganda an den Wänden, ein Haufen Gasmasken, teils bizarr drapiert.

Ich spaziere durch Städte und Dörfer ohne Bewohner, aber mit Sachen, mit Möbeln, mit Geschirr und mit Kleidung, die nie mehr jemand benutzen wird.

Denn diese Orte liegen in der Sperrzone von Tschernobyl …

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Es ist totenstill, nur der Geigerzähler an meinem Handgelenk tickert im Takt, der kleine, böse Herzschlag der Gammastrahlen.
Zwei Tage habe ich mich in der Sperrzone aufgehalten, eine Nacht sogar in einem spartanischen Hotel in Tschernobyl verbracht und mit einem Guide die Zone erkundet.
 
Mitgebracht habe ich neben unvergesslichen und tief bewegenden Erinnerungen auch viele Fotos. Ich habe versucht, den Zerfall und die Melancholie, die von diesen Orten ausgeht, mit der Kamera einzufangen.

Es sind Szenen, die es wert sind festgehalten zu werden – als Mahnmal, als stille Zeugen eines schicksalhaften Tages.
 
 

Die unheimlichen Geisterstädte um Tschernobyl

Es war eine Katastrophe, die die Welt erschütterte: Am 26. April 1986 um 1.24 Uhr explodierte der Reaktor 4 des Atomkraftwerks in Tschernobyl. Große Mengen von radioaktiver Materie wurden in die Luft geschleudert.

Bis heute ist die Gegend um den Unglücksort Sperrgebiet, für Jahrhunderte unbewohnbar und nur kurzzeitig mit einer Sondergenehmigung zu betreten.

Es ist eine gespenstige Welt, alles liegt in tiefem Schlaf und wird nie wieder erwachen.
 
 

Das Dorf Zalissya

Ein Schuh liegt im Gras, ein Topf steht auf dem Herd, vor einem Haus liegt eine Gasmaske. Die meisten Fensterscheiben sind zerbrochen, einst gepflanzte Rosen und Gartenblumen verwildert.
Das Skelett eines Autos rostet vor einer zerfallenen Garage.

In dem Dorf Zalissya lebten mehrere hundert Menschen – heute liegen die Ruinen der Siedlung verlassen im Sperrgebiet.
Zalissya ist eines von ungefähr 90 Dörfern, die nach der Katastrophe evakuiert wurden. Ein Ort dem das Schicksal der umliegenden Dörfer, die dem Erdboden gleich gemacht wurden, erspart blieb.

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Kindergarten von Kopachi

Auch der Kindergarten von Kopachi ist heute eine Ruine und das letzte Überbleibsel einer einst mehr als 1.000 Einwohner zählenden Siedlung.
Die meist aus Holz erbauten Häuser des Dorfes wurden wegen der starken Kontamination abgerissen. Der aus Stein erbaute Kindergarten blieb bestehen.

Ein trauriger Ort: einsam und verlassen. Das letzte Kinderlachen hörte man hier im April 1986.
Die Bettchen sind rostig, alte Kissen und Decken zeugen von einer längst vergangenen Zeit. Kaputtes Spielzeug liegt verstreut auf dem Gelände, staubige Puppen sitzen auf den Fensterbänken, im Regal stehen winzige Schuhe.

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Tschernobyl_Kindergarten Kopachi (12)

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Pripyat, die Geisterstadt

Pripyat, auch die „Tote Stadt“ genannt, wurde 1970, nur 3 Kilometer vom Kraftwerk Tschernobyl entfernt, für die Fabrikarbeiter und ihre Familien, erbaut. Es galt als Privileg, im Schatten des Reaktors zu leben. Man versprach den Einwohnern eine strahlende Zukunft. Die kam – jedoch anders als gedacht.

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Zum Zeitpunkt der Katastrophe lebten hier knapp 50.000 Menschen, darunter 15.000 Kinder.

Nach dem Unfall stieg das Strahlenniveau in Pripyat auf das Hundertfache der zulässigen Dosis. Jedoch erst 36 Stunden später wurde die Stadt evakuiert.
Um eine Panik zu vermeiden, wurde die Bevölkerung bewusst falsch informiert. Den Bewohnern wurde gesagt, dass sie nur die nötigsten Dinge mitnehmen sollten, da sie nach drei Tagen zurückkehren könnten. In weniger als drei Stunden war die Stadt leer.
Keiner der Einwohner durfte jemals in die Stadt zurückkehren.
 
Die einstige Musterstadt der Sowjetunion, das Idealbild einer sozialistischen Stadtplanung, ist heute eine Geisterstadt, die langsam verfällt.
Ein Spaziergang durch Pripyat ist wie eine stille Reise in die Vergangenheit.

Der Anblick ist surreal. Auf der einen Seite, das Leben, dass im Jahr 1986 stehenblieb – auf der anderen Seite die Natur, die das Gebiet langsam zurückerobert. An vielen Stellen ist der Asphalt aufgebrochen, viele Gebäude sind nur noch Ruinen.
Wo einst ein Prachtboulevard war, wächst ein Dschungel, der manchmal den Blick auf verwaiste Plattenbauten, ein Café, ein Hotel und die Polizeistation freigibt.
Im verfallenen Supermarkt stehen noch die Einkaufswagen herum, im Theater lehnen Plakate und Transparente an den Wänden, die man für die 1.-Mai-Parade 1986 vorbereitet hatte. Sie wurden nie gebraucht.

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Im Kulturhaus steht zwischen Bauschutt ein Klavier herum, in der Turnhalle hängt der Basketballkorb noch an der Wand und im Schwimmbad wartet der Sprungturm auf Badegäste, die nie mehr kommen werden.

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Die Fassaden von Restaurant und Kino sind zerbröckelt, es wachsen kleine Biotope aus den Fenstern der oberen Etagen.
Im Kulturhaus steht zwischen Bauschutt ein Klavier herum, in der Turnhalle hängt der Basketballkorb noch an der Wand und im Schwimmbad wartet der Sprungturm auf Badegäste, die nie mehr kommen werden.

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Im Kulturhaus steht zwischen Bauschutt ein Klavier herum, in der Turnhalle hängt der Basketballkorb noch an der Wand und im Schwimmbad wartet der Sprungturm auf Badegäste, die nie mehr kommen werden.

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Der Vergnügungspark von Pripyat sollte am 1. Mai 1986 eröffnet werden – Es kam nie dazu!
Die Autoskooter sind mit Moos bewachsen und das Kettenkarussell rostet vor sich hin. Das Riesenrad hat inzwischen eine Gondel verloren, die zerbrochen auf dem Beton liegt.

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Auch vor der ehemaligen Grundschule von Pripyat macht der Zahn der Zeit nicht halt. Auf den Bänken liegen noch die aufgeschlagenen Hefte und Bücher. Als der Befehl zur Evakuierung kam, blieb den Schülern keine Zeit ihre Habseligkeiten mitzunehmen. Wo einst Kinder herumtollten, herrscht nun gespenstige Stille.

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Menschenleere Häuserskelette, bröckelnde Jahrmarktattraktionen, verlassene Spielplätze und Fässer mit radioaktivem Müll – das ist alles, was von Pripyat geblieben ist.
 
 

Der Tag, an dem die Wolke kam

Wie war es, hier zu leben?
Wie müssen sich die Menschen damals Ende April 1986 gefühlt haben?

Die Bedrohung konnte man nicht sehen, nicht schmecken und nicht riechen – aber die Wolke war da.

Die Tragödie ereignete sich hier – in Tschernobyl – und es ist wichtig die Erinnerung am Leben zu halten.
Die Menschen waren keine unschuldigen Opfer der Natur – die Lektion von Tschernobyl ist eine weitaus stärkere. Eine Lektion in Sachen Torheit und Arroganz: Wir können uns die Welt nicht unterordnen. Unser Handeln hat Konsequenzen – für die Natur und für uns.

Tschernobyl ist eine Geschichte von technischem Versagen und vom Ende der Illusion, dass die Kernkraft beherrschbar sei.
Tschernobyl ist ein Synonym für die Gefahren, die mit Atomkraftwerken verbunden sind.
Tschernobyl ist auch die Geschichte vom Leugnen, Vertuschen und Verharmlosen. Tausende Menschen wurden zu spät evakuiert, Hunderttausende zum Helfen in die Todeszone geschickt, die meisten ohne ausreichenden Schutz.
 
Inzwischen ist das Unglück über 30 Jahre her – die Zone um Tschernobyl ist noch immer ein Mahnmal, was schweigend an die Katastrophe erinnert.
 
Niemals werde ich diesen Besuch vergessen!
 
 
Du möchtest wissen, was mich zu dieser ungewöhnlichen Reise inspiriert hat oder planst gar selbst eine Tour in die Sperrzone von Tschernobyl? Du fragst dich wie gefährlich so eine Reise ist? Hier findest du ausführliche Informationen.
 
 

geschrieben von
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10 Kommentare

  • Hallo Frauke,

    Pripyat und seine Umgebung ist schon ein spezielles Reiseziel, was nicht unbedingt jeder bereisen möchte. Ich war letztes Jahr dort und vielleicht hast du die Anregung zu einem Besuch auch meinem Bericht her. Ich möchte diese Erfahrung mit dem unsichtbaren Tod, dem Zerfall und den Auswirkungen eines Super-GAUs nicht missen. Von zu hause aus ist das so unwirklich, aber vor Ort sieht das dann ganz anders aus. Vielen Dank für euren schönen Beitrag mit den tollen Fotos.
    Viele Grüße
    Jens

    • Hallo Jens,
      du hast Recht: Pripyat und Umgebung ist ein sehr ungewöhnliches Reiseziel. Nur durch deinen Bericht bin ich auf dieses Ziel aufmerksam geworden. Dein Artikel und die Fotos haben mich danach nicht mehr los gelassen und so habe ich mich selbst auf den Weg in die Ukraine gemacht.
      Ich bin sehr froh, dass ich die Reise angetreten habe. Niemals werde ich diese Bilder vergessen.
      Viele Grüße
      Frauke

  • Oh man, das ist starker Tobak und Hut ab, dass Du die Nerven hast, nach Tschernobyl zu fahren. Du hast sehr gute (gespenstische) Bilder mitgebracht, die betroffen und traurig machen. Es stehen so viele Schicksale, so viel Leid dahinter.
    Ich war gerade in einer Ausstellung in Berlin zum Thema Tschernobyl und wie sich die Natur die Gegend zurück erobert, die ist auch zu empfehlen. Liebe Grüße, Ines

    • Hallo Ines,
      das Schicksal von Tschernobyl hat mich schon immer interessiert. Ich kann mich noch sehr gut an den April 1986 erinnern und an die Unsicherheit, die sich damals breit machte. Seitdem habe ich viel darüber gelesen und nun tatsächlich die Reise in die Ukraine angetreten. Eine Reise, die ich nie vergessen werde!
      Wo läuft denn die Ausstellung und wie lange noch? Ich bin in diesem Jahr bestimmt noch einmal in Berlin und würde dafür auf jeden Fall Zeit einplanen.
      Liebe Grüße
      Frauke

  • Ich habe gerade erst eine Dokumentation über die Rückkehr von Wildtieren und deren Anpassung an die Radioaktivität im Gebiet um Tschernobyl gesehen. Ein sehr interessantes Thema. Da kommen deine atmosphärischen, aber auch beklemmenden Fotos gerade zur richtigen Zeit…

    • Neben den „vergessenen Hunden von Tschernobyl“ haben wir Füchse und einige Wildpferde gesehen.
      Die Natur erobert sich das Gebiet langsam zurück und viele Wildtiere haben sich in der Sperrzone angesiedelt.
      Liebe Grüße
      Frauke

  • Hallo Frauke,

    ja, ein wirklick „krasses“ Reiseziel. Das steht bei mir erst einmal nicht an erster Stelle, aber zum Glück hast du so beeindruckende und verstörende Bilder mirgebracht. Hut ab 🙂

    Viele Grüße
    Florian

    • Hallo Florian,
      Tschernobyl steht sicher bei den meisten nicht auf der Bucket List.
      Ich habe die Tage vom April 1986 nie vergessen und sehr viel über die Katastrophe und ihre Folgen, aber auch über die Schicksale der Menschen, gelesen. Das Thema hat mich nie losgelassen und meine Neugier war so stark, dass ich mich auf den Weg in die Ukraine machen musste.
      Viele Grüße
      Frauke

      Mich hat das Thema schon immer interessiert und so war es

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