Über den Dächern von Münster – zu Besuch bei der Türmerin

Wuchtig erhebt sich der Kirchturm der Markt- und Bürgerkirche St. Lamberti mit seinen 90 Metern in den Himmel über Münster.
Die spätgotische Hallenkirche aus dem 14./15. Jahrhundert wurde von Münsteraner Kaufleuten als Gegengründung zum St. Paulus Dom finanziert und gebaut. Sie liegt mitten in der Altstadt, am Prinzipalmarkt.

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Ihre Bekanntheit verdankt die Kirche der schauerlichen Geschichte um die drei eisernen Käfige oben am Turm. In ihnen wurden Mitte des 16. Jahrhunderts die Leichen der Anführer der Wiedertäuferbewegung zur Schau gestellt.

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Das eigentliche Wahrzeichen von St. Lamberti befindet sich jedoch hoch oben auf dem Kirchturm: Martje, die Türmerin.

Seit 1383 versehen Türmer ihren Dienst auf Sankt Lamberti.
631 Jahre später tritt die erste Frau ihren Dienst in diesem Jahrhunderte altem Amt an – Martje Saljé ist seit Januar 2014 der Türmer (beziehungsweise die Türmerin) der Stadt Münster.

Im Mittelalter hatte fast jede größere Stadt (sofern sie einen hohen Turm hatte) einen Türmer. Dieser hielt Ausschau nach feindlichen Angreifern und Räubern oder alarmierte die Bevölkerung, wenn es irgendwo brannte.
Aber wir schreiben das 21. Jahrhundert! In Zeiten von elektrischen Feuermeldern muss wohl niemand mehr auf Türme klettern, um nach Bränden Ausschau zu halten. Auch sich anschleichende feindliche Heerscharen sind eine aussterbende Gattung. 😀
Trotzdem halten einige Städte an der uralten Tradition fest und so versehen auch heute noch Türmer in Deutschland ihren Dienst als Wächter.
Meist jedoch eher wegen der Touristen und weniger wegen der Sicherheit. Oft arbeitet der Türmer mit dem Nachtwächter zusammen, der Touristen ehrenamtlich oder nebenberuflich durch die Stadt führt.

Es gibt aber Ausnahmen: In Münster gehört es immer noch zu den Aufgaben der Türmerin, aus 75 Metern Höhe vom St. Lamberti-Kirchturm nach Bränden Ausschau zu halten. Eventuell gesichtete Feuer meldet sie sofort der Feuerwehr, mit der die Turmstube telefonisch in Verbindung steht.

Weitere Aufgaben der Türmer sind und waren das stündliche Schlagen der Glocken beziehungsweise das „Tuten“ mittels eines Horns zur Zeitansage.

Im Mittelalter hatten Türmer nicht den besten Ruf. Ihnen wurden Orgien und nächtliche Saufgelage nachgesagt. Auch mit ihrem Pflichtbewusstsein war es nicht immer zum Besten bestellt. Sie verpennten auch mal ihre Türmeraufgaben und ließen Unrat vom Kirchturm herabfallen. Aber das ist Vergangenheit – heute sind die Münsteraner stolz auf ihren Türmer und die lange Tradition.
 
 
Wir durften Martje an einem Abend hinauf in die Turmstube begleiten und ihr bei der Arbeit über die Schulter schauen.
 

Zu Gast bei der Türmerin von Münster

Es ist Samstagabend. Wir sollen Martje um 20.30 Uhr am Eingang zum Turm treffen. Während wir noch nach der Eingangstür suchen, ruft uns plötzlich eine lachende Stimme zu: „Ihr seid also mein Blind-Date?“ „Ich bin Martje, die Türmerin!“
Martje entsprach so gar nicht unserer Vorstellung einer Türmerin. Erwartet haben wir eine stattliche Frau in mittelalterlichen Gewändern, aber nicht diese sportliche, auf Anhieb sympathische, junge Frau.

Eine kurze aber herzliche Begrüßung und schon schreitet sie zu einer hölzernem Pforte. Die Eingangstür zum Turm ist winzig und unscheinbar. Nur ein kleines Sandstein-Relief neben der Tür gibt zumindest einen dezenten Hinweis, was sich dahinter verbirgt.


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Martje öffnet die Tür und wir stehen in einem schmalen, spiralförmigen Treppenhaus.
Mit Begeisterung führt sie uns die steile und enge Wendeltreppe hoch. Schnellen Schrittes setzt sie einen Fuß vor den anderen. Schwindelfrei muss man hier sein und Platzangst sollte man auch nicht haben. Für Fußlahme ist der Beruf ebenfalls nichts. Treppensteigen gehört auch im Jahr 2017 dazu. Fahrstuhl? Fehlanzeige!

Wir sind schon nach wenigen Metern aus der Puste – Martje macht das jeden Tag, außer dienstags. Da hat sie frei, da der Dienstag statistisch gesehen der sicherste Tag der Stadt ist.
 
Auf dem Weg nach oben gönnt uns Martje mehrere Pausen: – eine beim Zugang zur Orgel, die zweite unterhalb des Glockenstuhls und die dritte auf der Ebene, wo sich die Rats- und Brandglocke befindet.

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Die große Glocke gehört nicht der Kirche, sondern der Stadt und wird nur zu besonderen Anlässen geläutet. Das letzte Mal 2015, nach der Wahl des Oberbürgermeisters – natürlich von der Türmerin.
 

Auch die „Täuferkäfige“ kann man auf dieser Ebene aus nächster Nähe betrachten. Die Originale übrigens – wie uns Martje erklärt.

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Nach insgesamt 300 Stufen sind wir schließlich am Ziel: die Türmerstube! Oft ist von 298 die Rede, was nicht richtig ist. Viele Besucher beginnen erst innerhalb der Kirche mit dem Zählen. Zwei Stufen führen aber schon zuvor zur Eingangstür.

Martje führt uns in ihr Büro. In der kleinen Stube stehen Stühle, mehrere Tische und ein Sofa.
Ihr Schreibtisch ist eingerahmt von Regalen voller Bücher, an den Wänden hängen ein paar Bilder. Irgendwie urig und gemütlich.

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Oben im höchsten Dienstzimmer der Stadt angekommen, greift Martje als erstes zum Telefon. Die Meldung bei der Hauptwache der Feuerwehr ist Pflicht.

Nach einer Weile klingelt ihr Smartphone. Kein Anruf, sondern der Wecker. Der Wecker bestimmt das Leben eines Türmers.
Zwischen 21 Uhr und Mitternacht erklingt jede halbe Stunde das Türmer-Horn, ein Nachbau des altehrwürdigen Horns aus dem 16. Jahrhundert.
Jeden Tag in der Woche (außer dienstags)!
Auch bei schlechtem Wetter, bei Regen, Sturm und Schnee. Egal ob Fußball-Weltmeisterschaft, Geburtstag oder Weihnachten.

Martje nimmt das kupferne Horn von der Wand und tritt hinaus auf den Balkon. Hier auf der Höhe der Türmerstube kann man den Kirchturm komplett umrunden und hat einen unglaublichen Blick in alle Richtungen.

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Nachdem die Schläge der Kirchenglocke verklungen sind, schreitet Martje zur Tat.
Kräftig bläst sie in ihr Horn: gen Süden, gen Westen und dann noch einmal gen Norden. Der Osten wird ausgelassen. Um die vierte Windrichtung rankt sich die Legende, es habe dort einmal ein Friedhof gelegen. „Und die Totenruhe soll man ja bekanntlich nicht stören!“

Doch allein mit dem Tuten, wie das Blasen des Horns in der Türmersprache heißt, lässt es die Türmerin nicht bewenden. Sie steigt kurzerhand auf die Balustrade und winkt den Menschen, die unten vor der St. Lambertikirche stehen und erwartungsvoll nach oben schauen. Freudig winken diese zurück.

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Nach wenigen Minuten ist Martjes Dienst für die nächste halbe Stunde getan. Ausreichend Zeit, um mit uns über eine weitere Treppe in den oberen Teil des Kirchturms zu steigen.

Die Aussicht von dort oben ist noch besser und wir können uns kaum satt sehen.
„Dies ist der schönste Ausblick über Münster“ schwärmt Martje.

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Dann ist wieder eine halbe Stunde rum. „Tuuut, tuuut, tuuut“ tönt es gen Süden, Westen, Norden.

Nach dem Tuten setzen wir uns mit Martje in die Türmerstube und sie erzählt uns über ihre Berufung zur Türmerin, über ihre Arbeit und ihre Pläne.
Martje hat ihre Kindheit in Norwegen verbracht, Musik und Geschichte studiert und ist als Bassistin mit einer Band durch die Lande gezogen. Sie hat die Welt bereist – und in Münster ihre Heimat gefunden.
Als sie 2013 eine Stellenanzeige der Stadt Münster entdeckte, wusste sie sofort: „Das will ich machen“. Unter der Überschrift: „Möchten Sie berühmt werden“ suchte die Stadt einen Nachfolger für den damals aus Altersgründen ausscheidenden Türmer. Unter 46 Bewerbern wurde sie ausgewählt und trat am 1.1.2014 ihren Job als Türmerin an.
Sie hat es noch keine Minute bereut. Martje Saljé liebt ihren Job, die Tradition, die Stille auf dem Turm und die Menschen, die ihr von unten zuwinken.
Langweilig wird ihr nie, zwischen dem Tuten schreibt sie Gedichte, liest oder macht Musik.
Zugleich hat mit ihr auch die Moderne Einzug in die Turmstube gehalten – die Türmerin bloggt fleißig. Ihre Geschichten kannst du hier nachlesen.

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Gegen 22.45 Uhr verabschieden wir uns von Martje. „Findet ihr den Weg nach unten?“ fragt Martje und lacht. „Falls nicht, kommt ihr einfach wieder hoch!“
Wenige Minuten und 300 Stufen später stehen wir auf dem dunklen Prinzipalmarkt. 23.00 Uhr – wir hören das Horn tuten. Unsere Blicke gehen nach oben. Mit der Taschenlampe in der Hand winkt uns Martje ein letztes Mal zu. Dann ist sie im Dunkeln nicht mehr zu sehen.

Um Mitternacht wird heute das letzte Mal ihr Horn erklingen. Dann hat dann auch Martje Feierabend.

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Der Besuch bei der Türmerin war ein ganz besonderes Highlight unseres Wochenendes in Münster.

Münster hat mit Martje Saljé eine würdige Besetzung für die Position des Türmers gefunden.
Die Türmerin ist ein Wahrzeichen dieser Stadt.

Wenn du einmal Münster besuchst und am Abend an St. Lambertikirche vorbeikommst, dann schau unbedingt nach oben. Mit ein wenig Glück kannst du Martje vom Turm winken sehen.

Bitte beachte: Eine Turmbesichtigung ist normalerweise nicht möglich. Wir wurden von der Stadt Münster, Münster Marketing, eingeladen. Vielen Dank für dieses besondere Erlebnis.
 
 

 

geschrieben von
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